22 nov 2022
18:15  - 20:00

Rosshofgasse (Schnitz), S 01

Organisateur:
HELLAS (gemeinsam mit dem Fachbereich Alte Geschichte)

Public event, Guest lecture / Talk, Lecture series

Würme, Läuse und Hypochonder: kranke Herrscherkörper und die römische Monarchie

Vortrag von Prof. Dr. Jan Meister (Bern) im Rahmen der HELLAS-Veranstaltungsreihe HS22 und dem Kolloquium zur neueren Forschung in der Alten Geschichte

Eine der detailliertesten Beschreibungen kranker Herrscherkörper bietet der christliche Polemiker Laktanz, der zu Beginn des vierten Jahrhunderts den Tod des Kaisers Galerius beschreibt: Dieser verhasste Christenverfolger sei von innen her von Würmern aufgefressen worden – ein Vorgang, den Laktanz genüsslich in all seinen ekelerregenden Nuancen schildert. Der Detailreichtum darf allerdings nicht dazu verleiten, hierin eine ‚realhistorische‘ medizinische Beschreibung zu sehen. Vielmehr handelt es sich um eine elaborierte Polemik, die auf einer langen Traditionslinie beruht, die den tödlichen Befall durch Würmer oder Läuse als göttliche Strafe sah, während der gesunde Körper ‚guter‘ Herrscher ein Zeichen göttlichen Wohlwollens war. Diese Sicht auf den kranken Herrscherkörper kontrastiert radikal mit den Zeugnissen der Hohen Kaiserzeit, die ebenfalls ein ausgeprägtes Interesse an kranken Herrscherkörpern zeigen, aber in der Art, wie ein Herrscher seinem hinfälligen Körper Sorge trägt, dessen eigentliche Qualität erkennen wollen. Was der Forschung teilweise als ‚Hypochondrie‘ erschien, ist in Wahrheit eine ausgeprägte Kultur aristokratischer Selbstsorge, in die die Kaiser diskursiv eingebunden waren: Ein ‚guter‘ Herrscher musste aus dieser Perspektive eigentlich fast krank sein, um wahre Tugend erkennbar werden zu lassen. Der Kontrast zu den von Würmern zerfressen Kaisern der beginnenden Spätantike soll Anlass sein, darüber nachzudenken, wie die Christianisierung und die Transformation der römischen Monarchie sich in der Art und Weise spiegeln, wie kranke Herrscherkörper beschrieben und gedeutet werden.


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