
M. Kačičnik
Das Projekt verfolgt das Ziel, die verschiedenen Nutzungsphasen der Terrassengräber über mehr als drei Jahrtausende hinweg zu dokumentieren, wissenschaftlich auszuwerten und – so weit wie möglich – öffentlich zugänglich zu machen. Auf dieser Grundlage soll das Areal in seinen aufeinanderfolgenden Nutzungsphasen rekonstruiert werden, von der Erbauung im Neuen Reich über die darauffolgenden Wiederbelegungen bis hin zur byzantinischen/koptischen sowie zur modernen Weiternutzung. Damit entsteht nicht das Bild eines einzelnen Bauwerks, sondern die zusammenhängende Lebensgeschichte eines über Jahrtausende genutzten Raumes.
Die Arbeiten von LHTTprojects. folgen dabei einem übergeordneten transdisziplinären Anspruch, was sich in den Arbeiten und Vorhaben in der Schweiz und in Ägypten spiegelt; beide verbinden wissenschaftliche Exzellenz mit gesellschaftlicher Verantwortung, nachhaltiger Datenhaltung und publikumswirksamer Vermittlung.

M. Kačičnik
Wie lässt sich die gelebte Geschichte eines thebanischen Grabkomplexes – von seiner Konzeption und Erbauung über wiederholte Aneignung, Umnutzung und Bewohnung bis zu seiner modernen Erforschung – aus den materiellen, epigraphischen, geologischen und bioarchäologischen Spuren rekonstruieren, und was verrät diese Rekonstruktion über die Menschen, die diesen Raum über mehr als drei Jahrtausende hinweg geprägt und bewohnt haben?
Wie lässt sich der methodische Ansatz der «Life Histories» – die Untersuchung eines Grabes nicht als singuläres Bauwerk einer Epoche, sondern als über drei Jahrtausende hinweg wiederholt umgenutzter, umgedeuteter und transformierter Raum – theoretisch schärfen und als Modell für die ägyptologische Grabungs- und Forschungsarbeit allgemein nutzbar machen? Was unterscheidet diesen Ansatz von überholten, auf die Erbauungsphase fokussierten Grabpublikationen?
Welchen konkreten Erkenntnisgewinn erbringt die enge Verzahnung von Archäologie, Epigraphik und Bioarchäologie (IEM Universität Zürich und IPNA Universität Basel) gegenüber additiven, nacheinander durchgeführten Einzeldisziplinstudien? Und wo liegen die strukturellen Grenzen einer solchen Zusammenarbeit (Datenintegration, unterschiedliche zeitliche Auflösungen, Publikationslogiken)?
Wie lassen sich aus den materiellen Spuren eines Areals – Bestattungsüberresten, Textilien, persönlichen Gegenständen, Namen auf Uschebtis und Särgen, Spuren von Handwerk und Alltagstätigkeit – individuelle oder kollektive Lebensgeschichten realer Personen und Personengruppen (Grabbesitzer, spätere Bestattete, koptische Bewohner) rekonstruieren, ohne die Lücken und Unsicherheiten der Quellenlage durch spekulative Narrative zu überdecken? Welche methodischen Kriterien unterscheiden eine belastbare biographische Rekonstruktion von einer lediglich plausiblen Erzählung?

M. Kačičnik

M. Kačičnik
Nach welchen Kriterien sollte in einem Langzeitprojekt wie LHTT entschieden werden, wann ein Befund bewusst unberührt belassen wird, um ihn für künftige, ressourcenintensivere Untersuchungsmethoden zu bewahren, und wann der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn einer sofortigen Freilegung überwiegt? Welche ethischen und denkmalpflegerischen Standards lassen sich daraus für vergleichbare Grabungsprojekte in Ägypten ableiten?
Wie verändert sich das Verständnis einer Grabanlage, wenn sie nicht primär als Bauwerk und Bestattungsort, sondern als über Jahrhunderte hinweg genutzter, bewohnter, bearbeiteter und in den Alltag eingebundener Lebensraum (Kultort, Wohnstätte, Werkstatt, Stall) betrachtet wird? Welche Konsequenzen hat diese Perspektivverschiebung für die Art, wie archäologische Befunde – etwa Feuerstellen, Webwerkzeuge oder Spuren der Tierhaltung – gelesen und in eine zusammenhängende Nutzungsgeschichte übersetzt werden?
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