Amanda Gabriel

Vielfalt und Komplexität spätantiker und frühmittelalterlicher Bestattungspraktiken zwischen Bodensee, Hochrhein und Genfersee.

Mit einem Beitrag zur Diskussion der ethnischen Deutung von Bestattungspraktiken.

In der Spätantike und im Frühmittelalter entwickelten sich neue Bestattungspraktiken, die sich durch Körperbestattung in Rückenlage, West-Ost-Ausrichtung und umfangreiche Grabausstattungen auszeichneten. Die deutschsprachige Frühgeschichtsforschung deutete diese regional unterschiedlichen Praktiken lange Zeit ethnisch und verknüpfte sie mit schriftlich überlieferten Bevölkerungsgruppen wie „Alemannen“, „Burgundern“ und „Franken“. Dieser kulturhistorische Ansatz, der von einer räumlichen Kongruenz zwischen „Volk“ und „Kultur“ ausging, hielt sich trotz methodologischer Schwächen sehr lange.

Die Dissertation verfolgte das Ziel, die Vielfalt und Komplexität dieser Bestattungspraktiken mit einer alternativen, nicht-ethnischen Deutung zu interpretieren. Als theoretische Grundlage diente der praxistheoretische Ansatz der Communities of Practice von Etienne Wenger, der Bestattungspraktiken als erlernte Praktiken verstand, die innerhalb von Praxis-Gemeinschaften weitergegeben werden.

Die empirische Untersuchung basierte auf 23 Gräberfeldern mit 3523 Gräbern und 4035 Individuen. Erstmals wurden systematisch nicht nur Merkmale des Grabbaus und der Grabausstattung erfasst, sondern auch soziokulturelle Praktiken wie Leichenbehandlung und postfunerale Manipulationen. Mithilfe der Latenten Klassenanalyse und der Netzwerkanalyse wurden Kombinationsmuster identifiziert und deren räumliche, zeitliche sowie geschlechts- und altersspezifische Verteilung untersucht.

Die Ergebnisse zeigen, dass Grabbau und Totenbehandlung vorwiegend räumliche und zeitliche Einflüsse aufweisen, während bei der Grabausstattung Geschlecht und Alter relevanter sind. Die Gruppen des Grabbaus korrelieren nicht mit denen der Grabausstattung, was auf unterschiedliche Einflussfaktoren hinweist. In keinem Gräberfeld wurde nur eine einzige Bestattungspraxis ausgeübt; vielmehr finden sich mehrere Ausprägungen zeitgleich. Die Gruppen weisen zwar regionale Schwerpunkte auf, sind jedoch im gesamten Untersuchungsgebiet nachweisbar und lassen sich nicht in klar abgrenzbare Regionen einteilen. Dies widerspricht dem kulturhistorischen Ansatz, der von klar abgrenzbaren, homogenen Verbreitungsmustern ausgeht.

Die Untersuchung bestätigte, dass frühmittelalterliche Bestattungspraktiken in Bezug auf Grabbau und Totenbehandlung Ähnlichkeiten zu lokalen spätantiken Praktiken aufweisen und eine Kontinuität von der Spätantike bis zur Endmerowingerzeit erkennbar ist. Bei der Grabausstattung lässt sich anhand assoziativ-funktionaler Objektkategorien ebenfalls eine diachrone Kontinuität nachweisen.

Die Interpretation mittels des Ansatzes der Communities of Practice ermöglichte es, zwei grossräumige Praxis-Konstellationen beim Grabbau sowie mehrere Praxis-Konstellationen bei der Grabausstattung zu identifizieren. Die starke Verflechtung der Praxis-Konstellationen deutet auf hohe Mobilität und komplexe soziale Netzwerke hin. 

Die Dissertation bestätigte, dass frühmittelalterliche Bestattungspraktiken mehrdimensional sind und von Regionalität, Datierung, Geschlecht, Alter und Zugehörigkeit zu Praxis-Gemeinschaften beeinflusst werden. Der Ansatz der Communities of Practice erwies sich als gewinnbringende Alternative zum kulturhistorischen Paradigma für eine nicht-ethnische Interpretation spätantiker und frühmittelalterlicher Bestattungspraktiken.

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